Theorie - Historie der Lochkamera

Kleine Geschichte der Lochkamera oder Camera Obscura


Strahlengang Lochkamera
Strahlengang der Lochkamera aus: C.Diserens, Bern 1948 "Handbuch der Photographie - Band 1 Optik", 1932
Sonnentaler
Aus: Universe of the light 1933

Im 4. Jhd. v.Chr. beobachtet Aristoteles (384 - 322 v.Chr.), während einer Sonnenfinsternis unter einem Baum sitzend, dass die kleinen Lücken zwischen den Blättern jeweils ein spiegelverkehrtes Abbild der Sonnensichel auf den Boden projizieren. In dem Werk "Problemata physica" beschreibt er diese Erscheinung und erkennt, dass Licht von der Sonne zum Loch und von diesem zur Erde einen Doppelkegel bildet und deshalb die Sonnensicheln verkehrt herum abgebildet werden. Damit beschreibt Aristoteles das Grundprinzip der Camera Obscura. Auch die Beobachtung, dass "die Sonne, wenn sie durch viereckige Gebilde dringt, nicht rechteckig gebildete Formen sondern Kreise [erzeugt], wie z.B. wenn sie durch Flechtwerk dringt", wird hinterfragt, ohne indes eine zufriedenstellende Erklärung zu finden..

In China ist es MoTzu (470-391 v.Chr.), der diese Phänomene beschreibt und erklärt. MoTzu (geboren als MoTi) ist sich darüber im Klaren, daß Objekte Licht in alle Richtungen reflektieren und daß Strahlen von der Spitze eines Objektes den unteren Teil eines Bildes hervorrufen wenn sie durch eine Öffnung hindurchgehen. Er beschreibt, wie Lichtstrahlen, die durch ein schmales Loch dringen, auf einer gegenüberliegenden Wand ein Abbild erzeugen können, das den Objekten vor dem Loch entspricht und stellt tiefgründige Überlegungen zur Natur der Schatten an, wobei er realisiert, daß sie ihre Form deswegen erhalten, weil sich Licht geradlinig ausbreitet. Damit formuliert er das erste überlieferte Gesetz zur Optik. MoTzu ist in der Lage, daraus eine weitere Gesetzmäßigkeit abzuleiten, die erklärt, warum die Bilder, welche entstehen wenn Licht durch eine kleine Öffnung in einen abgedunkelten Raum fällt umgekehrt sind, d.h. er ist der Forscher, der die Rolle der Blendenöffnung bei der Bildentstehung entdeckt, die er als Sammelplatz („collecting place“) bezeichnet.

Euklid (325-265 v.Chr.)zeigt in seinen Arbeiten zur Geometrie und Optik, daß er die geradlinige Ausbreitung des Lichts verstanden hat und behandelt Ideen zur binokularen Sicht. Zwei Kopien seiner Arbeit überdauern die Zeit und als sie 1573 übersetzt und mit Kommentaren veröffentlicht werden, fügt Egnacio Danti seine Beschreibung der Camera Obscura hinzu um zu zeigen wie Euklid zu seinen Schlußfolgerungen gelangt ist.

Im „Shih Chi“ und „Chien Han Shu“ aus der Han Periode ist das Schattenspiel des Magiers Shao Ong dokumentiert, der 121 v.Chr. vor dem Kaiser Wu den Geist einer toten Konkubine erscheinen läßt. Solche Schattenspiele finden in der Folge in China und im asiatischen Raum weite Verbreitung.

Lukretius (98-55 v.Chr.) bezieht sich in seinem Werk „De Rerum Natura“ aus dem Jahre 60 v. Chr. auf eine Lichtbildschau oder ein Traumbild in poetischer Form.

Ungefähr 125 n.Chr. erscheint in Alexandria „De Speculis“ von Heron, das älteste überlieferte griechische Werk über Spiegel – plan, konvex und konkav. In „Caoptrica“ formuliert er das Gesetz, daß Ein- und Ausfallswinkel gleich sind. In „Automatopoietkes“ schreibt er über Phantomspiegel und Spiegelschrift.

Claudius Ptolemäus (127-145) setzt in Alexandria die Arbeiten von Heron und Euklid fort und ist der erste, der über Lichtbrechung schreibt, vermutlich, weil mittlerweile klares Glas verfügbar ist. Sein „Almagest“ erscheint im Jahre 140.

180benutzt Ting Huan eine Lampe um Tiere und andere Wesen sichtbar zu machen, die sich in der aufsteigenden Warmluft zu bewegen scheinen. Seine „Pfeife, die Phantasien sichtbar werden läßt“ ist die erste Beschreibung der Kombination aus Beleuchtung und Bewegung. Tuan Cheng Shih (800-1000) erwähnt Bilder in einer Pagode, Yu Chao-Lung benutzt im 10.Jhd. Modellpagoden um Lochkamerabilder auf einen Schirm zu projizieren ohne jedoch Theorien zur Bildentstehung aus diesen Experimenten und Beobachtungen abzuleiten.

Zunächst in Basra und später in Alexandria und Kairo lebt und arbeitet der geniale Mathematiker, Optiker und Astronom Abu Ali al Hasan Ibn al-Heitham (965-1039), auch unter dem Namen Alhazen bekannt. Er macht ein Experiment mit drei Laternen, deren Strahlen durch eine kleine Maueröffnung auf die Innenwand eines abgedunkelten Raumes projiziert werden. Durch diesen Versuch beweist er die Linearität der Lichtausbreitung und erkennt, daß beim Sehvorgang Licht ins Auge reflektiert wird. Er erkennt auch, daß die Lochöffnung sehr klein sein muß, um eine scharfe Abbildung zu erzielen. Er verfügt über Kenntnisse des Einflusses von konkaven, konvexen Linsen und Spiegeln auf die Bildentstehung. Alhazen ist es auch, der mit dieser Methode, wahrscheinlich mittels Zelt, exakte Sternenkarten herstellt. Zwischen 1015 und 1021 arbeitet er an seinem großen Werk über Optik in dem die Funktionsweise des Auges erstmalig mit einer Kamera verglichen wird. Es wird angenommen, daß Abu Ali Alhazen die Schriften von Aristoteles kannte. 1270 wird Alhazens Buch ins Lateinische übersetzt wodurch sein Wissen das westliche Europa erreichen kann.

Bereits um ca. 1200 entdeckt Albertus Magnus (1193-1280) die Oxidation und Schwärzung des Silbernitrats, die sich für die weitere Entwicklung der Camera Obscura zum Aufnahmegerät mehr als 600 Jahre später als bedeutungsvoll erweist.

Roger Bacon (1214-1294)gilt seiner Zeit als einer der führenden Gelehrten des Abendlandes. Sein Beiname „Doctor Mirabilis„ verrät viel von der Bewunderung, die ihm seine Zeitgenossen zollen. Er besitzt nicht nur umfassende Kenntnisse der Mathematik und Physik, sondern ist ein ebenso anerkannter Philosoph und Alchimist. Mit seinen Schriften begründet er den Beginn wissenschaftlicher Studien in Westeuropa.

Roger Bacon - Pinhole
Zeichnung aus dem 13.Jhd. von R.Bacon


Um 1300 beschreibt Kamal ad Din eine Camera Obscura, ebensoLevi Ben Gerson im Jahre 1321, der sie zur Beobachtung von Mond- und Sonnenfinsternissen empfiehlt.Petrus von Alexandrien baut 1342 einen lichtdichten Kasten mit kleinem Loch in der Vorderwand, der auf der Rückwand ein auf dem Kopf stehendes seitenverkehrtes Bild entstehen lässt.

Johannes de Fontana benutzt um 1420 eine Camera Obscura zur Beobachtung der Sonne und von Sonnenfinsternissen, wobei er sich dadurch auszeichnet, daß er ein tragbares System einsetzt. Leon Battista Alberti benutzt die Camera Obscura als er um 1435 die geometrischen Gesetze des perspektivischen Zeichnens ergründet. Auch Leonardo da Vinci (1452-1519) beschäftigt sich neben anderem mit der Camera Obscura.

1475 befestigt Paolo Toscanelli einen Bronzering mit Lochöffnung in einem Fenster der Kathedrale von Florenz, die noch immer in Gebrauch ist. An sonnigen Tagen wird ein Bild der Sonne durch das Loch auf den Fußboden projiziert. Zusammen mit einer entsprechenden Markierung dient die Anordnung zur Zeitbestimmung. Einige Jahre später wird eine ähnliche Anordnung in die Kuppel des Peterdoms im Vatikan eingebaut. 1580 benutzen päpstliche Astronomen so ein System um Papst Gregor XIII davon zu überzeugen, daß die Tagundnachtgleiche sich vom 21.März auf den 11.März verschoben hat, was zwei Jahre später zur Einführung des Gregorianischen Kalenders führt. Die Burg Eder verfügt über eine Camera Obscura zu Beobachtungszwecken, die den Ansturm der Türken 1552 erblickt und noch immer funktionstüchtig ist.

Francesco Maurolico (1494-1575), der auch als Franciscus Maurolycus bekannte Mathematiker aus Messina beschreibt und erklärt bereits 1521 in seinem Werk „Theorameta de Lumine et Umbra"das von Aristoteles gestellte Problem, dass eine quadratische Öffnung einen runden Lichtfleck oder Sonnentaler hervorruft.1525 veröffentlicht Albrecht Dürer sein Buch „Underweysung der messung mit dem zirckel un richtscheyt“, das die erste Zusammenfassung der mathematisch-geometrischen Verfahren der Zentralperspektive darstellt und damit auch die Grundlagen der Darstellenden Geometrie bildet.

1550 erscheint „De Subtilitat“ von Girolamo Cardano (1501-1576), einem Physiker und Professor für Mathematik und einer der berühmtesten Mediziner seiner Zeit mit einer reich bebilderten Darstellung der Camera Obscura. Er verwendet auch konvexe Linsen vor der Lochöffnung und präsentiert wilde Szenen mit passenden akustischen Effekten um sein Publikum mit der Camera Obscura zu beeindrucken. 1570 wird Cardano der Ketzerei bezichtigt, eingekerkert und verliert sein Recht, Bücher zu veröffentlichen. Durch die Verwendung von Linsen ist es möglich, ein schärferes und helleres Bild zu erhalten mit dem Nachteil, dass der Abstand der Projektionsfläche auf die Brechkraft der Linse abgestimmt sein muss.

Erasmus Reinhold (1511-1553), ein deutscher Astronom und Mathematiker aus Wittenberg benutzt die Camera Obscura zur Sonnenbeobachtung und erkennt dabei, daß man ein um so schärferes aber lichtschwächeres Bild erhält, je kleiner das Loch ist. Er stellte weiter fest, daß höhere Helligkeit bei bleibender Schärfe durch Sammellinsen erreichbar ist. Er berichtet von zwei Sonnenfinsternissen in den Jahren 1544 und 1545. Sein Assistent Georg Purbach erwähnt 1542 in „Theoretica Novae Planetarum“, daß man damit auch „Dinge auf der Straße“ beobachten kann.

Reinerus Gemma-Frisius (1508-1555) beobachtet ebenfalls die Sonnenfinsternis von 1544 in einem abgedunkelten Raum und veröffentlicht seine Ergebnisse im darauf folgenden Jahr samt einer Zeichnung des Apparates und seiner Funktionsweise in seinem Buch „De Radio Astronomico et Geometrica“. Die gleiche Anordnung findet sich bei Kopernikus, Tycho Brahe, M. Mostlein und Kepler.

1572 erscheint seine Übersetzung von Alhazens Werk über Optik.

Kircher - Lochkamera 1544
Abbildung aus dem Buch von Reinerus Gemma-Frisius

Der Neapolitaner Battista della Porta (1538-1615) gibt 1558 in "Magiae Naturalis Libri" eine ausführliche Beschreibung der Camera Obscura. In dieser ersten Edition schreibt er über die Verwendung einer konkaven Linse vor der Lochöffnung. In der zweiten Edition, die 1589 herausgebracht wird, wird die Verwendung von konvexen Linsen beschrieben. Dadurch und durch seine öffentlichen Aufführungen erreicht er eine so große Öffentlichkeit, daß er fälschlicherweise oft auch als Entdecker der Camera Obscura angesehen wird. Porta ist auch einer der Ersten, die sich mit der Konservierung von Tönen befassen, die praktische Umsetzung muß jedoch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts auf Edison warten. Sein Buch wird 1658 ins Englische übersetzt.

1565wird das Silberchlorid von Georg Fabricius entdeckt.

1568 beschreibt der Venezianer Daniele Barbaro in seinem Werk La pratica della perspettiva eine Lochkamera mit Glaslinse. Er benutzt die Camera obscura als Zeichenhilfe, indem er ein Loch in seinen Fensterladen bohrt, dahinter eine Bikonvexlinse anordnet und dann im geeigneten Abstand von der Linse auf einem Bogen Papier das Schauspiel beobachtet.

1570konstruiert Robert Boyle eine Boxkamera mit Linsen zur Landschaftsbetrachtung.

1572Friedrich Risner (+ 1580) ein transportables kleines Zelt zur Anfertigung topographischer Zeichnungen.

Ab1600werden sogenannte Naturselbstdrucke angefertigt, das heißt Kontaktkopien oder Photogramme durch Schwärzung von Silbernitrat.

Johannes Kepler (1571-1630) schreibt 1604 in seinem Buch „Ad vitellionen paralipomena, Zusätze zur Optik des Vitelo„: „Daß der Sonnenstrahl, der durch irgendeine Spalte dringt, in Form eines Kreises auf die gegenüberliegende Fläche auffällt, ist eine allen geläufige Tatsache. Dies erblickt man unter rissigen Dächern, in Kirchen mit durchlöcherten Fensterscheiben, und ebenso unter jedem Baume. Von der wunderbaren Erscheinung dieser Sache angezogen, haben sich die Alten um die Erforschung der Ursachen Mühe gegeben. Aber ich habe bis heute noch keinen gefunden, der eine richtige Erklärung geliefert hätte.„

Er baut 1620 eine transportable Camera Obscura und prägt Ende des 16.Jhd. den Ausdruck "Camera Obscura“. Er verwendet ein drehbar gelagertes Zelt, wobei er eine Röhre mit einer Sammellinse durch ein Loch der Wandung steckt und das projizierte Bild nachzeichnet.

Kepler überliefert zwei Vorstellungen: Erstens: Ein leuchtender Punkt strahlt radial in alle Richtungen. Zweitens: Eine leuchtende Fläche kann als Ensemble unendlich vieler Punkte angesehen werden. So gesehen entwirft jedes von den Punkten der Lichtquelle ausgehende, vom Loch begrenzte Lichtbündel auf dem Schirm ein eigenes Bild des Loches. In der Überlagerung sämtlicher Bilder des Loches entsteht ein hybrides Gebilde, das der Form der Lichtquelle (des Loches) umso ähnlicher wird, je kleiner (je größer) das Loch und/oder je entfernter (je näher) der Schirm ist.Dadurch gelingt es ihm, den scheinbaren Widerspruch zwischen der „Geradlinigkeit der Lichtausbreitung“ und der bis dahin angenommenen „Krümmung des Lichtes“, wie sie in kreisförmigen Sonnentalern angeblich zum Ausdruck kommt, aufzulösen und eine rein geometrische Erklärung zu liefern. Dieser Paradigmenwechsel 1679 kommt einer optischen Revolution gleich und deshalb kann Kepler getrost als Begründer der modernen geometrischen Optik in Europa bezeichnet werden.

Ab 1612 macht der Jesuit Christoph Scheiner(1575-1650) in Ingolstadt Experimente mit der Camera Obscura, die 1619 zusammen mit anderen Experimenten und Überlegungen zum Sehvorgang unter dem Titel „Oculus hoc est fundamentum opticum“ veröffentlicht werden. Er beschäftigt sich auch mit den Vor- und Nachteilen von linsenlosen Systemen und Systemen mit konvexen Linsen, konkaven Linsen und Kombinationen aus konvexem Objektiv und konkavem Vergrößerungsglas. Sein Hauptwerk, „Rosa Ursina“, das 1630 in Rom erscheint, ist eine detaillierte Untersuchung der Sonne, ihrer Rotationsachse, Rotationszeiten und der Granulation der Photosphäre. Dennoch hielt Scheiner bis zu seinem Tod am geozentrischen Weltbild fest.

Um 1644 prophezeit Sir Constantin Huygens (1596-1687) das Ende der Malerei zu Gunsten der Camera Obscura, da deren Aufzeichnungen real seien und das Leben selbst wiedergeben.

1646 veröffentlicht Athanasius Kircher eine sehr schöne Illustration der Camera Obscura als Hilfsmittel für Künstler. Später arbeiten unter anderen Johannes Vermeer (1632-1675) , Canaletto (1722-1780), sein Neffe Bernardo Belloto (1720-1780), Claude-Josef Vernet, Thomas and Pail Sandby, John Crome und Caspar David Friedrich mit der Camera Obscura.

Kaspar Schott entwickelt 1657 die Schiebekastenkamera („Magica Universalis“) und Johann Chr. Sturm baut 1676 eine tragbare Camera Obscura mit einem Spiegel, der im Winkel von 45° zur Linse angeordnet ist und das Bild auf einen Zeichentisch projiziert. Diese elegante Anordnung entspricht im Prinzip einer modernen Spiegelreflexkamera.

1679konstruiert Robert Hooke (1635 – 1703), ein Schüler von Boyle, ebenfalls eine transportable Camera Obscura.Johann Zahn verbessert den Entwurf von Sturm und liefert 1685 in seinem Werk „Oculus Artificialis Teledioptricus“ nicht nur die erste Beschreibung einer Spiegelreflexkamera sondern auch die Konstruktion einer „galileischen“ Telelinse, die den Prinzipien einer modernen Telelinse entspricht. Er benutzt verschiedene Objektive mit unterschiedlichen Brennweiten und gibt seiner Kamera innen einen schwarzen Anstrich um Reflexionen zu vermindern. Bis auf den mechanischen Verschluß stellt Zahns Kamera den Protptyp der heutigen Kameramodelle dar.

Christian Huygens (1629-1692)baut nicht später als 1659 in Holland die erste Projektionslampe, allerdings ohne viel Aufsehen darum zu machen. Er beschäftigt sich mit der Wellennatur des Lichts und experimentiert mit unterschiedlichen Glassorten. Es wird angenommen, daß er 1677 die erste achromatische Linse herstellt. Erst 1730 greift Chester More Hall in England diese Idee auf und entwickelt aus der Kombination von Flint- und Crownglas ebenfalls achromatische Linsen. Obwohl diese Linsen aus Gründen der Geheimhaltung bei unterschiedlichen Herstellern bestellt werden gelangen sie zu dem gleichen Linsenschleifer Georg Bass, der realisiert worum es dabei geht. 20 Jahre lang behält er das Geheimnis für sich bevor er John Dolland davon erzählt, der 1759 seinen eigenen Achromaten baut und zum Patent anmeldet.

1704 gibt Sir Isaac Newton in seinem Werk „Opticks“ eine Erklärung des Prinzips einer Camera Obscura mit Konvexlinse und setzt sie in Analogie zum Auge. Ebenfalls 1704 gibt es einen Eintrag zur Camera Obscura in John Harris’s Lexikon Technikum und der Hinweis, dass Lochkameras in London verkauft werden.

1727 zeigt Johann Heinrich Schulze (1684-1744), dass die Schwärzung von Silbernitrat auf Lichteinfluß zurückzuführen ist. 1770 entdeckt Carl Wilhelm Scheele (1742-1786) nicht nur die Lichtempfindlichkeit von Silberchlorid sondern auch, dass geschwärztes Silberchlorid durch Ammoniak unlöslich wird und damit fixiert wird. 1772 baut Joseph Priestley eine kleine und eine große Camera Obscura.

1793 erscheint der erste Bericht von Claude (1763-1828) und Joseph Nicephore Niepce (1765-1833) aus Caligari in Italien über die Idee, Bilder auf chemischem Weg zu fixieren. 1798 werden Experimente zur Fixierung durchgeführt.1799 experimentiert der Chemiestudent Thomas Wedgewood (1771-1805) mit Silbernitrat und stellt sogenannte Naturselbstdrucke her, d.h. Kontaktkopien von organischen Strukturen. Die Fixierung scheitert. Seine Ergebnisse publiziert er 1802 zusammen mit Humphrey Davy.1816 macht Joseph Nicephore Niepce, der 1826 als Entdecker der Photographie in die Geschichte eingeht, Experimente mit der Camera Obscura und Silberpapier. Wegen der fehlenden Rückführung unverbrauchter Silbersalze dunkeln diese Aufnahmen nach. Louis Jacques Mandé Daquerre entwickelt eine Methode mit Asphaltlack auf Zinnplatten, die er zunächst zur Kopie von Stichen einsetzt. 1827 kombiniert Niecpe diese Methode mit der Camera Obscura und arbeitet ab 1829 mit Daquerre zusammen bis er im Jahre 1833 stirbt.

W.H. Fox Talbot benutzt die Camera Obscura zur Anfertigung haltbarer Bilder. Im Sommer 1835 fertigt er zunächst sogenannte Photogramme („photogenic drawings“), d.h. Kontaktkopien pflanzlicher Strukturen u.Ä. auf mit Silberchlorid imprägniertem Papier, die mit Hilfe einer sehr starken Kochsalzlösung fixiert werden. Die berühmten Photographien von Lacock Abbey werden im August 1835 mit einer Lochkamera aufgenommen.Am 25.Januar 1839 erfährt er erstaunt, daß das Daquerreverfahren (Jodsilberdämpfe werden in Quecksilber entwickelt) am 7. Januar 1839 ohne Einzelheiten bekannt gegeben wurde und meldet daraufhin seine eigene Entdeckung der Royal Institution.

Der Januar 1839 gilt somit als Sternstunde der Photographie, da seitdem nicht nur ein Bild eingefangen werden kann sondern auch öffentlich bekannt ist, daß die irreversible Veränderung eines Bildträgers proportional zur Lichtmenge gelingt. Im September 1840 verbessert Fox Talbot sein Verfahren mit Chlorsilberpapier im Negativ-Positiv Prozess und einer Fixierung mit Kochsalz und entwickelt die Calotypie, wodurch sich die Belichtungszeit auf 10-20 Sekunden verkürzt. Im gleichen Jahr entwickelt Bayard das erste Direktpositiverfahren auf Papier und John Goddard gelingt es, die Lichtempfindlichkeit der Daquérreotypien durch Behandlung mit Brom und Jod weiter zu verbessern, so daß sich auf dieser Grundlage seit 1841 der boomende Zweig der professionellen Portraitphotographie entwickeln kann.

Daquerretypien sind auf dem europäischen Kontinent und Amerika weit verbreitet, in England wird das Verfahren wegen Patentschutz und hoher Lizenzgebüren durch den Lizensnehmer Richard Beard so gut wie gar nicht umgesetzt. In den 50er Jahren gibt es kaum noch Daquerrotypien und im Jahre 1860 gilt das Verfahren bereits als überholt. Der schottische Wissenschaftler Sir David Brewster (1781-1868) arbeitet mit der Camera Obscura und prägt 1856 im angelsächsischen den Begriff „Pin-Hole“. Er bevorzugt die Calotypie gegenüber der Daquerrotypie insbesondere wegen der Vervielfältigbarkeit.

Textfeld: Formel nach Raleigh für optimale Schärfe:

Weitere frühe Photographen, die mit der Lochkamera arbeiten sind Sir William Crookes, John Spiller, William Wiveleslie Abney und der englische Archäologe Flinders Petrie (1853-1942), der sie ab 1880 bei seinen Ausgrabungen in Äqypten einsetzt. Die Kamera von Petrie verfügt über eine einfache Linse vor der LochöffnungJosef Petzval (1807-1891)ist vermutlich der erste, der Mitte des 19. Jahrhunderts beginnt, eine Formel zur Bestimmung des optimalen Lochdurchmessers für beste Schärfeleistung zu entwickeln. Diese Arbeit wird später von dem Britischen Nobelpreisträger Lord Raleigh (William Strutt) (1842-1919) verbessert und die Ergebnisse 10-jähriger Studien 1891 in seinem Buch „Nature“ veröffentlicht. Die Gleichung ist bis heute gültig, auch wenn danach weitere Gleichungen veröffentlicht wurden, die sich aus der Formel von Raleigh herleiten.

In den 90er Jahren des 19.Jhd. wird die Photographie mit der Lochkamera populär und entsprechende Kameras werden in Europa, den USA und Japan verkauft. Die erste kommerzielle Lochkamera wird 1887 von Dehors und Deslandres in Frankreich entwickelt. Diese Kamera verfügt über eine drehbare Scheibe mit sechs Lochöffnungen, angeordnet in drei Paaren von ähnlicher Größe. Eine amerikanische Firma baut den „Ready Photographer“ mit Faltbalg, einer Trockenglasplatte und einer Lochblende aus Blech. Ebenfalls aus Amerika kommt „the Glen Pinhole Camera“ mit sechs Trockenplatten, Chemikalien, Schalen, einem Kopierrahmen und rotem Papier für die Sicherheitsbeleuchtung. Im Jahre 1892 werden alleine in London 4000 Lochkameras („Photonimbuses“) verkauft von denen kein einziges Exemplar erhalten geblieben ist.

Eine Zeit lang wird die Lochkamera wegen ihrer Unschärfe von Piktorialisten (ca.1890-1914) benutzt und findet dort einen Nischenplatz doch spätestens mit dem Ende des 1. Weltkriegs gilt die Lochkamera als überholt und wird durch preisgünstige kommerzielle Kameramodelle verdrängt. Weder das Bauhaus in Weimar noch andere künstlerische Strömungen messen ihr eine Bedeutung bei. Prof. Brehm weist in Amerika vereinzelt auf die Bedeutung der Lochkamera bei der Ausbildung von Studenten hin und entwickelt 1940 die Kodak-Lochkamera zum Selberbauen. Dadurch erwirbt die Fotografie mit der Lochkamera entgültig den Ruf einer primitiven Technik für Heranwachsende. Eine Renaissance erlebt die Lochkamera in der Zeit von etwa 1965 bis 1975 und in den späten 90‘er Jahren des 20.Jhd bis heute. Die Lochkamera hat, allen technischen Verfeinerungen der Aufnahmegeräte zum Trotz,ihren Reiz und ihre Bedeutung behalten und wird von Fotografen und Künstlern aus den unterschiedlichsten Gründen zum Einsatz gebracht .

Eine Besonderheit und interessante Sehenswürdigkeit stellen mancherorts die großen, begehbaren „Camera Obscuras“ dar. Sie sind meistens mit einer Linse und Umlenkspiegel ausgerüstet um eine sowohl helle als auch seitenrichtige Abbildung zu erhalten. Durch die Linse ist es erforderlich, daß Bild scharf einzustellen. Das wird in vielen Fällen dadurch erreicht, daß der Projektionstisch in der Höhe verstellbar ist. Nachfolgend sind einige funktionsfähige begehbare Lochkameras genannt:

  • Camera Obscura auf dem Berg Oybin bei Zittau, 360° Rundumblick, Besonderheit: Projektionsleinwand ist das Dach eines Trabants.
  • Camera Obscura in Hainichen bei Freiberg.
  • Camera Obscura in Mülheim an der Ruhr1992, Umbau 2005, Wiedereröffnung 2006
  • Camera Obscura in Edinburgh,
  • Camera Obscura in Grahamstown in Südafrika
  • Camera Obscura inEger in Ungarn (Damit wurden bereits 1552 die anstürmenden Türken beobachtet.) ·       
  • Camera Obscura in der Budapester Universität
  • Camera Obscura in derMoskauer Lomonossow-Universität
  • Camera Obscura am Marburger Schloß seit 2002
  • Heutzutage gibt es die Möglichkeit, entweder selber eine Lochkamera zu bauen, wobei die Bildschärfe entscheidend von der Güte der Lochöffnung abhängt oder eins der teuren kommerziellen Modelle zu erwerben.

    Literatur und Bildbände, die mir zum Thema bis jetzt in die Finger gefallen sind:

    • Eric Renner:
      "Pinhole Photography - Rediscovering a Historic Technique"
      Third Edition, Focal Press, Boston, Oxford, 2004
      ISBN - 0-240-80573-9
      272 Seiten zur Geschichte und Entwicklung der Lochkamera mit großem Technikteil und vielen vielen Bildern.

    • Peter Olpe:
      "die Lochkamera - Funktion und Selbstbau"
      Lindemanns Verlag, Vierte Auflage, Stuttgart 2001
      ISBN - 3-89506-172-7
      42 spiralgebundene Seiten mit praktischen Tipps und Schnittmustern für eine Rollfilmkamera.

    • Ulrich Clamor Schmidt-Ploch:
      "Die Lochkamera - Abbildungsoptimierung, physikalische Hintergründe"
      SP-Verlag, Freiburg i.Br. 2001
      ISBN - 3-8311-1261-4
      TB mit tiefgehendem physikalischem Ansatz zur Abbildungsoptimierung für runde und quadratische Lochblenden.

    • Thorsten Berndt:
      "Camera Obscura - Mehr als ein Augenblick
      Eine Bilder-Reise durch Schleswig-Holstein
      "
      Wachholtz, 2000
      ISBN - 3-529-02779-0
      Bildband mit Landschaftsaufnahmen aus Schleswig Holstein. Größe der Originalbilder 50x60 cm.

    • Thomas Bachler:
      "Arbeiten mit der Camera obscura / Pinhole Exhibits"
      Lindemanns Verlag, Kassel 2001
      ISBN - 3-89506-222-7
      Bildband mit verschiedenen, auch experimentellen Aufnahmen.

    • Przemek Zaifert, Carsten Kauth, Wolfdietrich Müller:
      "Camera Obscura Tübingen"
      Imprimatur Verlag Rudolf Kring, Lahnstein
      ISBN - 3-9807361-6-4
      Bildband mit begleitenden Texten.

    • Reto Klar, Text Wolf Karge:
      "Camera Obscura - Deutschlands Burgen und Schlösser"
      Edition Augentrost, Hamburg 2003
      ISBN - 3-00-01266-x
      Großformatiger Bildband.

    • Abelardo Morell:
      "Camera Obscura"
      Bulfinch Press, First Edition, New York 2004
      ISBN - 0-8212-7751-0
      Großformatiger Bildband.

    • Volkmar Herre:
      "Mit Licht gemalt - Photographien aus der Camera Obscura"
      Edition herre, Stralsund 1998
      ISBN - 3-932014-05-7
      Landschaftsaufnahmen und Naturbetrachtungen.

    • Volkmar Herre:
      "Erinnerungen des Lichts - Naturschau mit der Camera obscura"
      Edition herre, Stralsund 2001
      ISBN - 3-932014-13-8
      Landschaftsaufnahmen.

    • Günter Derleth:
      "Venedig - Camera Obscura"
      Edition Stemmle, Zürich, New York 2000
      ISBN - 3-908163-20-x (deutsche Ausgabe)
      ISBN - 3-908163-21-8 (english edition)
      Großformatiger schöner Bildband mit stimmungsvollen Bildern aus Venedig.

    • Sarah Kofman:
      "Camera Obscura of Ideology"
      Heyne TB, München 1995 (Franz. Erstausgabe 1973)
      ISBN - 0-8014-3641-9 Leinen
      ISBN - 0-8014-8593-2 Papier
      Philosophische Essays über die Metapher der Camera obscura in den Arbeiten von Marx, Freud und Nietzsche.

    • David Knowles:
      "Die Geheimnisse der Camera obscura"
      Heyne TB, München 1995
      ISBN - 3-453-10838-8
      Roman aus dem amerikanischen.